Aber vielleicht kommen wir bei den Erben des Seehelden weiter.

Der John Jervis hatte eine Schwester, verheiratet mit einem vermögenden Herrn namens Ricketts. Deren Sohn Edward wurde 1823 sein Erbe und damit 2. Viscount of St Vincent. Aus Dankbarkeit gegenüber dem Onkel und sicher auch praktischen Günden änderte er seinen Namen zu "Edward Jervis Jervis". Britische Seehelden galten damals sehr viel.


Edward Jervis Jervis, 2. Viscount St. Vincent

Little Ashton Hall
1839 erwarb dieser Edward Jervis Jervis einen weiteren Landsitz "Little Ashton Hall" mit rund 1.200 ha Ackerland in Eigenbewirtschaftung und über 2.000 ha weiteren verpachteten Besitzungen. Der Jahreswert der Einkünfte lag damals über 4.000 Pfund Sterling. Da konnte man schon von großem Reichtum sprechen.

Ein Landsitz mit dieser Beschreibung würde zum sagenhaften Reichtum des „Lord Jervis“passen, von dem Bierdemann in seiner Geschichte über Miss Jervis schrieb. Allerdings liegt die Grafschaft Staffordshire nicht in Wales, sondern etwas östlich davon. Vielleicht wurde das nicht so genau überliefert. Der jährliche Ertrag von 4.000 Pfund ist eine beachtliche Summe, wenn man es mit der sehr hohen jährlichenBesoldung des Admirals John Jervis in Höhe vom 3.000 Pfund vergleicht. Der Wert des Besitzes und damit der Kaufpreis müsste nach damaliger Kapitalverzinsungbei 100.000 Pfund liegen, das wäre ein vielfaches Millionenvermögen in heutiger Zeit.

Wie steht es nun hinsichtlich der Frage nach schönen Töchtern des Viscount?



Mary Anne Jervis

Der ursprünglich aus Jamaica stammende Edward Jervis Jervis war zwei Mal verheiratet. Aus seiner ersten Ehestammte die Tochter Maria Jervis. Sie wurde um 1796 geboren und starb 1869. Damit kann sie den Hof im Jahr 1873 nicht erworben haben.

In zweiter Ehe heiratete Edward Jervis Jervis seine Kusine Mary Anne Parker. Nach der Heirat erhielt sie den Titel Viscountess St. Vincent of Meaford. Ihr Vater Thomas Parker stammte aus einer über Jahrhunderte aufsteigenden Familie, die es ebenfalls zu einem großen Landsitz – Park Hall - gebracht hatte. Aus dieser Ehe gingen eine 1812 geborene Tochter Mary Anne und ein 1815 geborener Sohn Edward SwynfenParker-Jervis hervor. Er kommt als Vater der Miss Jervis aufgrund seiner späten Geburt nicht in Frage, aber seine sehr ansehnliche Schwester, deren Porträt im Alter von 18 Jahren noch vorhanden ist, könnte passen.

Wenn man das erst kürzlich aus Familienbesitz versteigerte Porträt ansieht und mit dem am Anfang dieser Geschichte gezeigten Foto der Miss Jervis vergleicht, mag man so recht keine Ähnlichkeit erkennen. Mary Anne Jervis wäre über 60 Jahre alt gewesen, da könnte allerdings die jugendliche Schönhheit geschwunden sein.
Die hier gezeigte Mary Anne Jervis hatte einen für damalige Zeiten illustren Lebenswandel.

Dieser Dame sagte man in jungen Jahren amouröse Verbindungen nach, was zu dem Bild der verliebten, reichen Miss Jervis passen könnte. In englischen Politikerkreisen wurde sie als begehrenswerte Braut gehandelt. Einerseits ging es um Benjamin Disraeli, den späteren zweifachen Premierminister unter Königin Victoria. Er schrieb 1833 an seine Schwester eine Heirat betreffend: „Bulwer Lytton[1] ermutigt mich Miss Jervis zu belagern. Er denkt ,das wäre passend – eine große Erbin und klug. Außerdem ist sie hübsch.“

[1] Edward Bulwer Lytton war englischer Romanautor und Parlamentsmitglied im 19. Jahrhundert.
Ein von Miss Jervis speziell begünstigter Herr soll nach damaligen englischem Hörensagen kein hannoverscher Offizier – wenn auch schneidig – gewesen sein. Es handelte sich vielmehr um den Herzog von Wellington. Der war nach turbulenter Ehe frühzeitig verwitwet und konnte keinesfalls dem Reiz jüngerer Damen widerstehen. Als Sieger der Schlacht bei Waterloo brauchte er sich um persönliches Ansehen und passende Anziehungskraft nicht zu sorgen. Mit großem Vermögen und hervorragend besoldeten politischen Funktionen musste er in Großbritannien als einer der herausragenden Männer seiner Zeit gelten.

Die 1812 geborene Mary Anne Jervis stand um 1840 in der Blüte ihrer Jahre. Ihr besonderes Verhältnis zum Herzog wurde sehr lange in der englischen Gesellschaft diskutiert. Es fehlten aber Belege für die gern ausgetauschten Gerüchte. Sie korrespondierte mit Wellington und sandte ihm Geschenke.

Ein kostbares Geschenk ging vom Herzog an die junge Miss Jervis. Es ist erst in den letzten Jahren aus deren Familienbesitz aufgetaucht und bei Sothebys versteigert worden. Dabei wurde eine Geschichte für sich offenbar. Die Londoner Times veröffentlichte 2018 dazu folgenden Bericht des Journalisten Simon de Bruxelles dazu:

Damit sind wir in höchsten englischen Adelskreisen angekommen. Ein Herzog hatte, wenn er nicht zum Königshaus gehörte, den höchsten Stand erreicht.

Gerüchte über Wellington und Mary Ann Jervis machten in London die Runde. Er beauftragte einen Silberschmiedemeister mit der Anfertigung der Krone. Die Nachkommen von Mary Ann Jervis, einer Prominenten des 19. Jahrhunderts, waren sich nie sicher, wie tief ihre Freundschaft mit dem Herzog von Wellington war. Damals kursierten in London Gerüchte, der Herzog, damals Großbritanniens größter lebender Militärheld mit dem Ruf eines Frauenhelden, sei mit der Sängerin und Tänzerin verlobt, die fast halb so alt war wie er. Wellington, ein Witwer, lachte darüber und fragte: „Was bringt es, 67 zu sein, wenn man nicht mit einer jungen Dame sprechen kann?“ Jetzt, 180 Jahre später, wurde bestätigt, dass er bei einem der besten Silberschmiede Londons eine vergoldete Krone für sie in Auftrag gab. Es galt als Geschenk von ihm, aber das wurde erst durch die Entdeckung einer Inschrift bestätigt, als das Diadem vor dem Verkauf einer Spezialreinigung unterzogen wurde. Die Inschrift lautet: „Diese Krone wurde von Arthur, Herzog von Wellington, der ehrenwerten M.A. Jervis überreicht. Sie wurde von ihm entworfen und von den Herren Garrard am 16. August 1838 ausgeführt.

Mary Ann, die dritte Tochter von Edward Jervis, Viscount St. Vincent, fiel dem Herzog nach dem Tod seiner Frau Kitty Pakenham, mit der er 25 Jahre verheiratet war, im Jahr 1831 auf.“
d David Ochterlony Dyce Sombre Es wäre nun ein wunderbarer Fund, wenn diese Miss Jervis auch die englische Dame aus Langenhagen gewesen wäre.

Mary Anne Jervis wurde jedoch im September 1840 dem späteren Parlamentsmitglied David Ochterlony Dyce Sombre angetraut. Damit kann sie nicht das Fräulein Jervis gewesen sein.

Angeblich gab es vorher Streitigkeiten wegen des sozialen Vorlebens der Braut, zudem wegen der religiösen Ausrichtung des Paares.

Der Ehemann muss eine außerordentlich schillernde Person gewesen sein. Im Juli 1841 wählte ihn der Wahlbezirk Sudbury ins Unterhaus desVereinigten Königreichs.

Mit seiner verworrenenen anglo-indische Abstammung galt er als erster „Inder“ im britischen Parlament. Seine Großmutter, Begum Samroo, machte ihn zum Alleinerben ihres Reichtums, besaß sie doch ein indisches Fürstentum mit Privatarmee und weitläufigem Grundbesitz. Er erhielt mehr als eine halbe Million Pfund ausgezahlt. Wegen reicher Gaben der katholischen Großmutter an den heiligen Stuhl ernannte der Papst ihn zum Ritter der Fratres Militiae Christi. Der Segen der Kirche war mit Geld schon immer leichter erreichbar.

Zuletzt beschuldigte David seine Frau des Ehebruchs mit verschiedenen Männern, einschließlich ihres Vaters. Das führte zu einer Anklage wegen Irrsinns seitens seiner Ehefrau, die von Sombres Schwestern und deren Ehemännern unterstützt wurde. Die klagenden Parteien hatten nicht allein Gerechtigkeit im Auge. Sie zielten wohl eher auf das riesige Vermögen des Beklagten. Nach langem Rechtsstreit erhielten sie auch das Millionenerbe.

Mary Anne, geb. Jervis, heiratete in zweiter Ehe Baron Forester, den Sie ebenfalls überlebte, denn sie starb erst 1893, sieben Jahre nach dessen Tod. Sie blieb auch hier in höchsten englischen Adelskreisen.


Da haben sich doch zu viele nicht passende Informationen angehäuft. Vielleicht gehört die Langenhagener Miss Jervis in ganz andere Kreise. Sollte Bierdemanns Erzählung etwa ein Märchen sein? Weiter