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Wir wissen nicht, wie
die Jugend der wahren Anna Maria Jervis verlief. Außer ihrer
Geburtsmeldung im Kirchenbuch von Cheltenham sind kaum Zeugnisse
oder Dokumente bekannt. Im Stadtarchiv Langenhagen liegt ihre
Sterbeurkunde, die Royal Crescent Cheltenham als Geburtsort und
das Jahr 1824 als Datum der Geburt belegt. Die Eheleute Prediger
Charles Jervis und Maria, geborene Grape, sind als Eltern
verzeichnet. Todesdatum war der 12. Januar 1888.
Da sie somit nicht
aus schwer reichem Adelshaus stammte, musste die junge Miss
Jervis, bevor sie nach Langenhagen kam, selbst für ihren
Unterhalt sorgen. Das bedeutete vermutlich, den Weg vieler
englischer Frauen aus besserem Hause einzuschlagen, die als
Gouvernanten ihr Brot bei bessergestellten Leuten verdienen
mussten. Die Vermutung könnte durch ihren Aufenthalt im „Elm
House“ gestützt werden. Dazu später mehr. Die
Familie war in Cheltenham wohlbekannt. Anna Marias Vater Henry,
den sie nur aus Erzählungen kannte, gehörte schließlich seit
1816 als Pfarrer an der Kirche St. Marys zu den örtlichen
Honoratioren. Das war schon ein schlimmer Schlag, als er dort
1826, nur zwei Jahre nach ihrer Geburt, überraschend verstarb.
Die Mutter Maria Jervis sollte ihren Ehemann um 18 Jahre
überleben, sie starb am 6. Februar 1844 in Cheltenham. Das war
wohl in der alten Wohnung Royal Crescent Nr. 15, denn sie wurde
in Einwohnerverzeichnisse der Jahre 1840 und 1842 mit diesem
Wohnsitz aufgenommen. ![]() Aus Cheltenham ist der Eintrag ihrer Taufe im Geburtsregister zum Jahr 1824 der Kirche überliefert. ![]() Am 25. April 1817
hatte Charles seine Braut Maria Grape in der St. George’s Kirche
am Hanover Square geheiratet. Bischof Henry Ryder leitete den
zugehörigen Gottesdienst. Diese Kirche war eine sehr beliebte
Hochzeitskirche für Herrschaften aus der höheren Gesellschaft.
So wurde Arthur Richard
Wellesley 2. Herzog von Wellington seiner Braut Lady Elizabeth
Hay dort angetraut. Auch Charles Jervis ältere Tochter
Mary Frances heiratete in dieser Kirche ihren Verlobten John
Francis Holcombe Read, der im weiteren Verlauf noch besondere
Beachtung verdient.
Das Gotteshaus wurde ab 1721 zu Ehren des Königs Georg I. erbaut. Dessen hannoverscher Hofkomponist Georg Friedrich Händel wohnte in der Nähe und beteiligte sich am kirchlichen Leben. Auch hier findet sich ein Bezug Hannovers zum britischen Königshaus zur Zeit der Personalunion. Welche Beziehungen die Familie Jervis aus Cheltenham zu Hannover hatte, wäre zu klären. Auf jeden Fall wäre kein schneidiger Husarenoffizier daran beteiligt. Es muss andere Verbindungen gegeben haben. |
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| Eine Erklärung dazu bringt die
Lebensgeschichte des Vater, Charles Jervis. Charles Jervis erreichte einen beträchtlichen Aufstieg. Als er 1826 im Alter von 44 Jahren starb, hatte er das Amt des Kuraten für den Kirchenbezirk Cheltenham seit zehn Jahren ausgeübt. Sein Vater Charles war als Kompasshersteller handwerklich in einem gehobenen Gewerk tätig. Der alte Charles Jervis, auch Jarvis genannt, war nicht unvermögend, denn er konnte seinen jüngeren Sohn am hochberühmten Trinity College in Oxford studieren lassen. Nach vier Jahren Studium verließ dieser die Universität im Jahr 1805 mit dem Abschluss „Bachelor of Arts“. Im gleichen Jahr nahm der Bischof von Lincoln, Dr. George Pretyman Tomline, ihn als Diakon an der Kapelle seines bischöflichen Palastes an. Zusätzlich erhielt er eine Pfründe als Kurat für die Kirchengemeinde Uptom cum Chalvey in Buckinghamshire. Im gleichen Jahr 1806 erhielt Charles Jervis eine andere Stelle in der Nähe. Der Ort hat bis heute historische Bedeutung, denn er ist eine alte angelsächsische Gründung und liegt zu Füßen des Schlosses „Windsor Castle“. Der Rektor des Kirchspiels Clewer, Reverend William Foster, übte viele Funktionen aus und besaß allerlei Pfründe. Ihm gehörten Ländereien in der Umgebung von Cambridge, er hatte an der dortigen Universität einen Lehrstuhl und verfügte über ein weiteres Kirchspiel in Kent, wo er einen großen Landsitz hatte. Zusätzlich diente er dem König Georg III. als Kaplan. Wegen dieser Gegebenheiten wirkte der neue Kurat Jervis als alleinverantwortlicher Priester. Die Nähe zum oft auf Schloss Windsor residierenden Hofstaat sollte ihn weiter begünstigen. Als erstes begegnete ihm ein substanzieller Kirchenstreit. Die Gemeinde in Clewer hatte sich in zwei Fraktionen aufgespalten, die eine war eng mit einem althergebrachten Psalter[1] verbunden, die andere mit einer Neuausgabe, die jedoch abweichende Übersetzungen der Psalmen enthielt. Das führte der Überlieferung nach dazu, dass je nachdem, welche Ausgabe herangezogen wurde, nur der Teil der Gemeinde mitsang, der sich zugehörig fühlte. |
![]() Gedenkblatt für Reverend Charles Jervis Dem Pfarrer Charles Jervis, A. M. Amtsinhaber in Cheltenham, Rektor zu Luddenham in Kent und Kaplan bei seiner königlichen Hoheit, dem Herzog von Cambridge. Diese Nordost-Ansicht der Kirche St. Mary’s Cheltenham, (auf ihre Kosten graviert) ist mit höchstem Respekt gewidmet von den Herausgebern. |
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Viele Kirchenoberen wollten damals eine bestimmte evangelikale Richtung in der anglikanischen Kirche befördern. Charles Jervis erachteten sie in diesem Sinne als besonders geeignete Wahl. Ohne Wirkung hochgestellter Personen im Hintergrund hätte ihn Prinz Adolphus Frederick, Herzog von Cambridge, einer der jüngeren Söhne des Königs, gewiss nicht als einen seiner Hauskaplane ernannt. In der Hofrangliste rangierte er unter diesen zwar nur an neunter Stelle, viel Geld war nicht zu erwarten, aber es schmückte den Lebenslauf und unterstrich die eigene Bedeutung. Hinzu kamen Kontakte zum Hofstaat und zur königlichen Familie und deshalb eine weitere offizielle Funktion. Charles Jervis diente nämlich der Königin Charlotte als Almosenier für sein Kirchspiel. Wenn die Königin arme Leute mit milden Gaben bedenken wollte, wurde er mit der Verteilung des Geldes beauftragt. Es galt dabei die königliche Einschränkung, dass sie es verdienten, also nach Gutdünken des Kirchenmannes. Über den Herzog von Cambridge, der später seine älteren Brüder Georg IV. und Wilhelm IV. erst als Generalstatthalter und später als Vizekönig in Hannover vertrat, bestand somit eine Verbindung zu dieser Stadt und dem Hofstaat in Herrenhausen. Charles Jervis wird allerdings kaum dort gewesen sein, denn als der Herzog 1816 nach Hannover ging, trat der Pastor gerade sein Amt in Cheltenham an. |
Hofrangliste des
Herzogs von Cambridge |
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Charles Jervis blieb in Cheltenham sehr aktiv beim Sammeln von Mitteln, besonders zum Bau weiterer Kirchen. Der Ort wuchs durch den florierenden Kurbetrieb und den Zuzug von wohlhabenden Bürgern. Pastor Jervis beaufsichtigte selbst den Bau der Holy Trinity Church (Heiliggeistkirche), die 1823 fertiggestellt wurde. Den Abschluss des Baus der St. Paul’s Church erlebte er nicht mehr. Nach kurzer, schwerer Krankheit verstarb er im Alter von 44 Jahren in seinem Heim im Royal Crescent. Am 3. Oktober des Jahres 1826 wurde er in einer eindrucksvollen Zeremonie in seiner Kirche beigesetzt. Kurz nach der Hochzeit hatte Charles Jervis ein Testament zugunsten seiner Ehefrau Maria verfasst. Er setzte sie als Alleinerbin all seiner Besitztümer ein. Wie in England üblich, wurde das Testament in einem öffentlichen Register verzeichnet. Am 14. November 1826 nahm die Witwe den letzten Willen in Anspruch. Leider gibt das Testament keine Auskunft über den Umfang des vermachten Vermögens. Man weiß deshalb nichts über einen später eventuell der Tochter Anna Maria Jervis zufließenden Anteil. |
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| Wir wissen nun, dass Miss Jervis keiner reichen Adelsfamilie
entstammte, dass ihr Vater kein Schloss besaß, obwohl die Familie in
einem schlossähnlichen Gebäude wohnte. Wir wissen auch, dass sie
nicht wegen eines jugendlichen Eheversprechens vom Erbe
ausgeschlossen wurde, sondern ihre Jugend als Halbwaise verleben
musste, was mit Sicherheit finanzielle Einschränkungen mit sich
brachte. |
Woher kamen nur die Aussagen, die
Lehrer Bierdemann kannte und in seinem schwülstigen Artikel
veröffentlicht? Weiter |
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