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Die ältere Schwester Mary Frances Elisabeth Jervis Vielleicht können Nachforschungen über ihre Schwester Aufschluss geben. Anna Maria Jervis‘ drei Jahre ältere Schwester Mary Frances Elisabeth lebte länger als sie. Bei dem Tod der jüngeren im Januar 1888 war sie 67 Jahre alt und hatte noch sechs Jahre vor sich. Der ältere Bruder war bereits verstorben, also erbte sie den Grundbesitz in Langenhagen. Carl Jagau bewirtschaftete danach etwa fünf Jahre den „Englischen Hof“, bis er das Geld für dessen Erwerb aufgebracht hatte. Da mussten verschiedene Transaktionen erledigt werden. Außer der notwendigen Konvertierung preußischer Reichsmark in englische Pfund wäre Rechnung zu legen über Einnahmen aus dem Hof und fällige Ausgaben. Dorfschullehrer Bierdemann erwähnte ein verbrieftes Vorkaufsrecht für den Verwalter. War damit auch der Nießbrauch des Hofes verbunden? Dann wäre außer dem Kaufpreis kein Geld nach Großbritannien geflossen.Über Mary Frances Elisabeth Jervis sind wesentlich mehr Informationen verfügbar als über ihre Schwester. Von ihr gibt es beispielsweise ein sehr hübsches Bild auf einem Medaillon, das einige Ähnlichkeiten mit dem Foto aufweist, das Anna Maria anfertigen ließ. Beide trugen die Haare mittig gescheitelt, enganliegend nach hinten gebunden. In beiden Fällen blieb das Kleid hoch geschlossen. Bei der Jüngeren war der weiße Kragen noch strenger gehalten. Im Abbild der Älteren erkennt man den lockeren Pinselstrich des unbekannten Malers. Das spricht aber keineswegs für lockeren Lebenswandel, wie er sich ohnehin für Pfarrerstöchter verbietet. |
![]() Mary Frances Elisabeth Jervis
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![]() Anna Maria Jervis
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Mary hatte im September 1847 in der gesuchten Hochzeitskirche St George, Hanover Square, ihren Verlobten John Francis Holcombe Read geheiratet. Aus dieser Ehe gingen acht Kinder hervor, einige hielten den Bezug zur Herkunft aus der Familie Jervis aufrecht. 1849 wurde Francis Winde Cuthbert Read geboren, ein Jahr später folgte Charles Stokes Read, 1858 dann John Jervis Read, 1861 Mary Beauchamp Read, 1863 Hilda Anna Read, 1864 die Tochter Florence Ellen Maria, die bis 1945 lebte und mit einem Herrn Johnson verheiratet war. 1867 folgte Laura Anna Elisabeth Read, bei deren Geburt war Mary Frances Elisabeth bereits 46 Jahre alt. Das stimmt schon etwas bedenklich, die laut der Volkszählung des Jahres 1901 zwanzigjährige Tochter Ethel Emily Read dürfte bei der Geburt 1881 kein Kind der Ehefrau gewesen sein. Sie lebte 1901 an anderer Adresse in Walthamstow. |
Die Familie Read erwies sich als Musterbeispiel einer britischen Familie. Vorvater John Francis Read lebte einige Zeit auf Jamaika. Als Regierungsbeamter hatte er unter anderem mit der dortigen Sklaverei zu tun. Der Sklavenhandel war in Großbritannien zwar seit 1807 verboten, nicht jedoch die Beschäftigung von Sklaven. Die wurde erst 1833 verboten. Seine Frau Ellen Langley heiratete er am 1. Januar 1821 noch in England an deren Wohnort Woolwich. Beide müssen dann schnell nach Jamaika gereist sein, denn John Francis Holcombe wurde dort 1821 in der Stadt Kingston geboren. Ellen starb dort nur vier Jahre später im Alter von 27 Jahren, ihr Ehemann verschied 1832 ebenfalls in Kingston. Beider Sohn wurde noch im Kindesalter mit einem Segler zum Großvater nach Woolwich Commons zurückgeschickt. Eine Quelle meldet, dass er erst vier Monate alt war. Das wäre damals nur in Begleitung der Mutter oder einer Amme möglich. |
John Francis Holcombe Read folgte in späteren Jahren einem nahezu märchenhaftem Lebenslauf. Beruflich begann er als Beamter an der britischen Admiralität. Vermutlich half da der Großvater mit seinen Verbindungen, denn eine solche Stelle stand nicht jedem offen. Die Admiralität war eine der wichtigsten Regierungsbehörden für das die See beherrschende Britannien. Ein Vermögen war für einen dortigen Mitarbeiter ohne Adelstitel gleichwohl nicht zu erwerben. |
![]() Die Börse in London 1889
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John Francis Holcombe
Read erwarb sein großes Vermögen als Aktienhändler an der
Londoner Börse (Stock Exchange). Um die Mitte des 19.
Jahrhunderts konnten Aktien innerhalb kurzer Zeit sehr große
Wertsteigerungen erfahren. Da ließ sich durch Anlagen sehr viel
Geld verdienen. Zwar gab es auch Börsendramen, aber die scheinen
John Francis nur begrenzt getroffen zu haben. Angeblich
verdiente er zwei beachtliche Vermögen durch seine Tätigkeit,
von denen er jedoch eines wieder verlor. Zudem stieg er als Mitglied im „Board of Directors“ der „Great Central Railways“ auf. In dieser wichtigen Eisenbahngesellschaft wurden ab 1862 verschiedene kleine Eisenbahngesellschaften zusammengeschlossen. Außerdem diente und verdiente er an sechs weiteren Gesellschaften. |
Aha, da gibt es also doch eine
Verbindung zu den britischen Eisenbahnen. Nur dass es nicht über
den "Lord Jervis" lief, wie Bierdemann glaubte. Stattdessen war
der Schwager von der Miss Jervis in Langenhagen ein
Eisenbahndirektor. Das konnte im Lauf der Zeit in den Familienerzählungen schon vermischt worden sein. |
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1871 konnte Read mit seiner Frau Mary Frances Elisabeth und ihrer inzwischen auf acht (andere Quellen nennen nur sechs, wieder andere gar zehn Kinder) angewachsenen Kinderschar recht beachtlich wohnen. Er hatte das stattliche Haus „The Chestnuts“ in der Hoe Street in Walthamstow erworben, in dem er immerhin acht Bedienstete beschäftigte. Dazu gehörten laut Volkszählung des Jahres 1881 eine Köchin, zwei Hausmädchen, ein Diener, ein Kutscher, ein Stallknecht sowie eine Gouvernante und ein Kindermädchen. Das Haus verfügte über 12 Schlafzimmer und genügend Räume für die Dienerschaft im oberen Stockwerk. Für die Heizung sorgten offene Kamine, die von den Hausmädchen zu beschicken waren. Heißes Wasser mussten sie in Kannen zu den Schlafräumen tragen. Die Mädchen hatten am frühen Morgen schon reichlich zu tun. Zum Haus gehörte ein ausgedehnter Garten, den sicher ein Gärtner betreuen musste, er zählte aber nicht zum Hauspersonal. |
![]() The Chestnuts in Whalthamstow
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Zehn Jahre später bestand die gleiche Dienerschaft mit Ausnahme der Gouvernante, sie wurde für die inzwischen großen Kinder nicht mehr benötigt. In dieser Zeit muss Kontakt zum Verwalter des „Englischen Hofes“ Carl Jagau bestanden haben, denn die dort lebende Miss Jervis war drei Jahre zuvor verstorben und das Erbe noch nicht geregelt. Erbin war deren Schwester, die nach englischem Recht Finanzangelegenheiten ihrem Ehemann überlassen musste.
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John Francis Holcombe Read betätigte sich nebenbei in beachtlichen Freizeitbeschäftigungen. Da war einerseits eine damals bemerkenswerte Qualifikation im urenglischen Spiel Cricket. Vier seiner Söhne taten sich darin ebenfalls hervor. Sie schafften es bis in die „Cricket Hall of Fame“. Sein Enkel Arnold Read brachte es sogar zu deutlichen Ehren auf diesem Gebiet. Davon jedoch später mehr, weil da ein Aufschluss bezüglich des „sagenhaften Reichtums“ liegt. |
Auf der anderen Seite wirkte John Francis als Musiker und Komponist. Er spielte Viola geläufig und leitetedas Orchester der Londoner Stock Exchange, das dem englischen Thronfolger wiederholt vorgespielt haben soll. Es steht zu hoffen, dass er diesen musikalischen Darbietungen neben royaler Repräsentation auch Kunstgenuss abgewinnen konnte |
![]() Cantania Musik J. F. H. Read
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Ja, der Schwager von Anna Maria Jervis war schon eine besondere Persönlichkeit. Doch was hatte er mit der in Langenhagen erzählten Geschichte zu schaffen? Zwei Informationen könnten ihm zugeschrieben werden. Da ist einerseits der außerordentliche Reichtum des „Lord Jervis“ zu nennen, der überdies mit der Eisenbahn in England zusammenhing. John Francis Holcombe Read hatte ein ordentliches Vermögen erworben und war Direktor bei der größten Eisenbahngesellschaft im Osten Englands. Die Börsengeschäfte als Ursprung des Reichtums hat man sich in der Familie nicht so recht gemerkt, denn die haben, wie der Schwabe sagt, „ein Geschmäckle“.
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Die gute Miss Jervis
wird sicher mit ihrer Schwester über Briefe Familiennachrichten
getauscht haben. Da die Jagaus ihre hauptsächlichen
Gesprächspartner waren, selbstverständlich auf Englisch, wird sie
gelegentlich darüber berichtet haben. So konnte sich der Eindruck
verfestigen, dass drüben ein Familienmitglied lebte. „Rich“ und
„Railroad“ waren die auslösenden Stichworte. Das Schloss mit dem
„Glanz undLuxus“ seiner Ausstattung war damit leicht zu erträumen. Es bleibt eigentlich nur noch eine Frage offen, wann kam Miss Jervis nach Hannover - Herrenhausen? |
![]() J. F. H. Read 1890 Daguerrotypie |