Der Englische HofIm 19. Jahrhundert nannte man den Vollmeierhof Nr. 2 in Langenhagen "Englischer Hof". Dieser zweitgrößte Bauernhof im Ort hatte zuvor Wilhelm von Bothmer und dann vier Jahre dem Baron Götz von Olenhusen gehört. Der verkaufte ihn 1873 an die englische Dame Miss Jervis. Sie war also die Ursache für den Titel des Hofes. Miss Jervis zog nach dem Kauf mitsamt ihren Hunden von Herrenhausen nach Langenhagen. Dort beschäftigte sie Carl Jagau als Verwalter der Landwirtschaft. Seine Ehefrau Caroline besorgte die Hauswirtschaft. Dabei ging ihr ein Dienstmädchen zur Hand. Das wäre nicht besonders interessant, wenn nicht in Langenhagen eine spezielle Geschichte zu ihr im Umlauf gewesen wäre. „Im Herbst des Jahres 1840 fand in Jervis Castle, einem uralten, aber restaurierten Schloss in Wales, bei dem Lord Jervis ein Jagdfest statt, zu dem die vornehmste und reichste Londoner Gesellschaft sowie einige Ausländer eingeladen waren. Das Schloss mit seinen großen Sälen, mit den Kostbarkeiten aller Art, mit denen der reiche Besitzer, der als Direktor der Eisenbahnen zu einem ererbten Vermögen noch ungeheuren Reichtum erworben hatte, sämtliche Räume geschmückt hatte, strahlte in Glanz und Luxus. Schöner als alle Schätze waren die zwei liebreizenden Töchter, besonders schön die älteste, die unter dem Damenflor auffiel.
Unter den Gästen fiel ein hannoverscher Offizier auf, der sich auf der Jagd als schneidiger und kühner Reiter ausgezeichnet hatte und auf dem Fest durch seine Uniform, seine äußeren Vorzüge und anziehendes Wesen glänzte. In diesen Husarenrittmeister verliebte sich die hübsche Miss Jervis und das Paar traf sich im alten Schlosspark und schwur sich ewige Treue. Aber es blieb ein Traum, denn der Lord verweigerte dem deutschen Bewerber, der mit keinen Gütern gesegnet war, die Hand seiner Tochter, und ohne die Möglichkeit zu haben, von seiner Liebsten Abschied zu nehmen, reiste der Rittmeister ab. Miss Jervis überwarf sich mit ihrer Familie, es kam so weit, dass ihr das Verfügungsrecht über ihr Erbe entzogen und sie unter Kuratell gestellt wurde. Bald nach ihrer Großjährigkeit sagte sie sich von allem los und reiste nach Hannover. Sie erwarb sich dort den schönsten Hof von Langenhagen und lebte in ihrer neuen Wahlheimat schlicht und einfach. Die Zinsen ihres Vermögens waren ihr belassen worden, eine respektable Summe von 17.000 Talern. Sie war sehr beliebt, es war nicht einer unter den Nachbarn, der sich nicht ihrer freundlichen Hilfsbereitschaft und nicht einer unter den Armen des Dorfs, der sich nicht ihrer Wohltätigkeit erfreut hätte. In bewunderndem Staunen sah man ihr reich geschirrtes Vierergespann, wenn sie nach Hannover fuhr. |
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Wer bei diesen Angaben an die im Museum Herrenhausen stehenden prunkvollen Kutschen denkt, ist leider einer ziemlichen Übertreibung aufgesessen. Die hatte der Dorfschullehrer Bierdemann zu verantworten, der diese Geschichte im "Heimatgruß" an die Langenhagener Frontsoldaten im Zweiten Weltkrieg veröffentlichte.
In Wahrheit durfte sich nicht jedermann mit einer vierspännigen Kalesche fahren lassen. Der einfache Adel musste mit zwei Pferden vor dem Wagen vorlieb nehmen. Zum Beweis kann ein Foto der Kutsche der Miss Jervis dienen, das um 1880 auf dem Hof nebst Kutscher Carl Jagau aufgenommen wurde. Das Fahrzeug war selbstverständlich ein englisches Modell, nämlich eine Victoria Chaise mit Klappverdeck über der Rückbank. Das war ein einfacher, teils offener Wagen, der schlichten Ansprüchen genügen konnte Anstelle des englischen Fräuleins hatte ihr Mops auf dem Sitz des einfachen Wagens Platz genommen. Die Pferde waren mit Augenblenden angeschirrt, damit sie bei seitlichen Bewegungen nicht so leicht erschrecken. |
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Zur Zeit des Hofkaufs ließ Miss Jervis sich fotografieren. Das Foto entstand vielleicht im Atelier des Fotografen Eugen Lulves, der zu ihrer Zeit ein Atelier in der Bahnhofstraße hatte. Neben der strengen Erscheinung der englischen Dame, fällt ihr aus England stammender Spaniel auf, der neben einem weiteren Vertreter dieser Rasse, auf mehreren Bildern festgehalten wurde. Das auf dem Tisch liegende Buch verdeutlicht Belesenheit. Damen aus den höheren Ständen durften in Großbritannien nichts tun, außer lesen, malen, sticken und eine gepflegte Unterhaltung führen. Aus den Romanen von Jane Austen wissen wir, dass eine vorteilhafte Heirat Lebensziel sein sollte. Für die Hausarbeit hatte man Dienstboten, die alles möglichst unauffällig im Hintergrund erledigten.Wie Lehrer Bierdemann mitteilte, war das bei der jungen Miss Jervis auch der Fall. Es störte ihre Eltern, dass ihr Wunschpartner nicht über das nötige Vermögen verfügte. Darum wurde sie enterbt und zog dann nach Hannover. Dieser Ort wäre eigentlich höchst ungeeignet, denn der in ihrer Jugend romantisch verbundene hannoversche Offizier hätte dort durchaus in Nähe gewesen sein können. Wir wissen es nicht. Wir wissen auch nicht, womit Miss Jervis ihren Lebensunterhalt verdiente. War sie eventuell - das Buch weist darauf hin - als englischsprachige Vorleserin am hannoverschen Hof Georgs V. beschäftigt? Das Bild des in ein strenges schwarzes Seidenkleid gehüllten englischen Fräuleins spricht nicht mehr für romantische Irrwege. Es ist eher als Besitzstandsanzeige zu lesen: ich, mein Kleid, mein Hund, mein Buch! |
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| Mit heutigen Mitteln kann man der abenteuerlichen Geschichte der Miss Jervis leichter nachgehen. Schauen wir mal, welche reiche Abstammung sie haben könnte. | |
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